Nach Mega-Abi wird Flüchtling Nesar Arzt: “Wir liegen dem Staat nicht auf der Tasche”

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Er ist Afghane, Flüchtling – und einer von Deutschlands besten Abiturienten: Nach seinem 0,8-Mega-Abi setzt Nesar Ahmad Aliyar jetzt noch einen drauf: Ab dem Wintersemester studiert der 18-Jährige an der Berliner Charité Medizin. Und für alle, die glauben, Flüchtlinge seien faul, hat Nesar eine klare Botschaft.

Nesar hält in den Händen, wovon viele deutsche Schüler nur träumen können: Der 18-Jährige aus dem nordrhein-westfälischen Geldern hat vor kurzem sein Abitur mit einer Note bestanden, die so gut ist, dass es sie offiziell eigentlich gar nicht gibt: mit 0,8 – oder wie es im Volksmund heißt: Note Eins plus.

Das allein ist schon beachtlich. Doch Nesar ist kein gewöhnlicher Schüler. Als er noch ein Kind ist, detonieren neben seinem Elternhaus im afghanischen Kabul Autobomben, er hört die Schreie der Verletzten, verliert selbst Mutter und Schwester. Als ihn Schlepper mit 13 aus der Kriegshölle nach Deutschland bringen, spricht Nesar kein Wort Deutsch. Doch er setzt sich ein Ziel: „Ich wollte die Eins erreichen – koste es, was es wolle.“

Flüchtling Nesar: Erst droht ihm Abschiebung, dann schreibt er 0,8-Abitur

Nesar fängt an zu lesen, erst Kinderbücher, dann einfache Romane und schließlich Sachbücher, am liebsten zu medizinischen Themen. Nach einem knappen halben Jahr spricht er fließend Deutsch, schreibt immer mehr Einsen und schließt die Realschule als Jahrgangsbester ab. Auch als er trotz seiner hervorragenden Leistungen abgeschoben werden soll, gibt Nesar nicht auf, besorgt sich eine Anwältin und setzt durch, dass er bleiben darf.

Nesar kämpft fünf Jahre lang – gegen Vorurteile, die kalte deutsche Behördenschulter und auch gegen sich selbst. Am Ende schreibt der 18-jährige Flüchtling das beste Abitur, das es jemals an seiner Schule gab. Sein großes Ziel: Medizin studieren, Kardiologe werden, am besten an der berühmten Charité in Berlin.Stolz präsentiert der 18-jhrige Nesar sein Abiturzeugnis.

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Screenshot WDR Stolz präsentiert der 18-jährige Nesar sein Abiturzeugnis. Jetzt beginnt er an der Berliner Charité sein Medizinstudium.

Vom Flüchtling zum Facharzt: “Viele gönnen mir meine Leistung nicht”

Als FOCUS Online zum ersten Mal über den Bilderbuch-Weg des jungen Flüchtlings berichtet, erhält der 18-Jährige viel Zuspruch. „Auf Instagram haben mir Schüler aus dem ganzen Land geschrieben und mich nach Tipps und Tricks gefragt, wie sie auch so ein gutes Abi schaffen“, berichtet Nesar. Doch ein Flüchtling als Klassenbester und angehender Facharzt? Das passt in den Köpfen vieler Menschen immer noch nicht zusammen.

Nesar liest sie sich genau durch, die bösen und mitunter verletzenden Kommentare unter den Berichten über seinen Erfolg. „Viele haben mir mein Abi nicht gegönnt. Sie haben geschrieben, dass es doch gar nicht möglich sei, besser als 1,0 abzuschneiden und vermuteten einen Betrug“, sagt Nesar. Andere meinten, er solle doch jetzt lieber wieder zurück nach Afghanistan gehen, wo man gut ausgebildete Leute schließlich dringender nötig habe als in Deutschland.

Für den jungen Mann ist das keine Option – erstens, weil in seinem Heimatland noch immer Krieg und Chaos herrschen. „Und zweitens, weil ich Deutschland jetzt viel zurückgeben will. Ich will jetzt Leben retten – und zwar hier“, sagt Nesar.

Medizinstudium in Berlin: “Ich will zeigen, dass ich integriert bin”

An zwölf Unis in ganz Deutschland hat sich der 18-Jährige nach seinem Premium-Abitur beworben. Wegen seiner Bestnoten flogen ihm die Zusagen nur so ins Haus. Doch auf die Antwort von der renommierten Charité musste Nesar warten – bis eine E-Mail in seinem Postfach aufploppte und seinen Traum wahr werden ließ: Zusage! „Es war einer der besten Tage meines Lebens“, berichtet Nesar.

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Jetzt muss der junge Mann seine Koffer packen. Nächste Woche zieht er in ein kleines Apartment nicht weit entfernt von Deutschlands berühmtesten Klinik-Komplex. 12 Semester, sechs Jahre lang, wird Nesar erst Allgemeinmedizin studieren, dann mindestens genauso lange die Facharztausbildung zum Kardiologen absolvieren. „Ich weiß, dass es schwer wird und lange dauert, aber ich möchte Verantwortung übernehmen, etwas Gutes tun für die Menschen und zeigen, dass ich integriert bin“, sagt der 18-Jährige.

Das Wort „Integration“, das seit Jahren durch die öffentlichen Debatten geistert und für so viel Zündstoff sorgt, hat Nesar gelernt, als er noch keine Woche in Deutschland war. „Ich habe mich lange gefragt, was es genau bedeutet. Heute weiß ich, dass Integration mehr ist als nur sehr gute Noten. Es bedeutet, dass alle zur Schule, in Sprachkurse, in die Ausbildung gehen können.“

Botschaft an Flüchtlings-Hasser: “Sprecht mit uns – die meisten sind ziemlich in Ordnung”

Mit seinem Erfolg will Nesar andere Flüchtlinge und Migranten in seinem Alter anspornen, trotz aller Schwierigkeiten nicht den Kopf in den Sand zu stecken: „Ich rate allen: Geht zur Schule! Nutzt die Möglichkeiten, die uns Deutschland bietet, und seid dankbar dafür!“

Und all jenen, die immer noch glauben, Flüchtlinge seien faul, empfiehlt Überflieger Nesar: „Schaut doch mal genauer hin, kommt mit Leuten wie mir ins Gespräch. Dann merkt ihr auch, dass wir dem Staat nicht au f der Tasche liegen, dass die meisten von uns eigentlich ziemlich in Ordnung sind.“

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